
Nimm dem Maler seine Pinsel und er wird mit den Fingern malen. Nimm ihm die Farben, womit soll er malen?
Die Apostolischen sangen ein Lied: „Herr Dein Wort die edle Gabe, dieses Gold erhalte mir. Denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. Wenn dein Wort soll nicht mehr gelten, worauf soll der Glaube ruh´n? Mir ist´s nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.“ (Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 - 1760)
Ein bekennender Text mit eingängiger Melodie und doch eine verführerische Mogelpackung, weil sie eigene Verkündigung als die zeitgemäße Fortschreibung der Bibel verstanden wissen will. Damit bekommt die Schrift das Etikett: „Nicht mehr zeitgemäß.“
Als der jüdische Tempel niederbrannte, haben die Römer den goldenen siebenarmigen Leuchter nach Rom getragen. Die Juden haben die heiligen Schriften gerettet. Sie haben sie über die Zeiten behütet, vervielfältigt sowie peinlichst darauf geachtet, dass kein Buchstabe verändert wird. Ja, Organa, sie haben die Schrift fleißig studiert und über sie tiefgründig nachgedacht. Verändert haben sie sie nicht, sondern darauf geachtet, dass sich die Gemeinde gemäß der Schrift verändert und nicht umgekehrt.
Die sich als heilige Mutter verstehende römische Kirche hat die Schrift beschlagnahmt und sie vor dem gemeinen Volk weggeschlossen. Die Leute mussten sich mit den Schriftauslegungen der Geistlichkeit begnügen. Die Geistlichkeit wandelte sich, Irrtümer eingeschlossen und diese, bei Bedarf, in staubigen Hinterzimmern versteckt . Die Schrift aber blieb, verschlossen oder nicht, stets das was sie war, ist und bleiben soll: Das lebendige Wort Gottes.
Luther machte die Schrift den Leuten zugänglich, wollte die Herrschaft der arroganten und korrumpierten Geistlichkeiten durch das allgemeine Priestertum aller Gläubigen abmildern. Gelungen ist ihm freilich nur eine andere Geistlichkeit, eine in sich und in vielen Hauptstücken zerstrittene.
Gewiss, Luther und viele andere aufrichtige Reformatoren waren mutige Leute. Den Protestanten haftet jedoch bis heute eine seltsame Neigung an. Immer dann, wenn sie sich besonders mutig geben, dann verfallen sie in eine seltsame Zurückhaltung, Mutlosigkeit. Schriftauslegung orientiert sich dann oft am gerade vorherrschenden Zeitgeist.
Was grade ist, das wird bis zur Unkenntlichkeit verkrümmt. Was klar und deutlich ist, das wird vernebelt. Klare und deutliche Worte werden als nicht mehr zumutbar abgetan. Auch wenn die Menge der Leute nach verlässlicher Orientierung fragt, gefällt sich die Geistlichkeit gerne in Unverbindlichkeiten. Als „Everyboddy´s darling“ lebt sich´s möglicherweise etwas leichter. Nur, diesen Job verstehen andere wesentlich besser und füllen damit ihre Säle, während sich die Kirche genötigt sieht, ihr Tafelsilber an Grundstücksmakler zu verscherbeln.
Die Bibel sei eine von gläubigen Menschen geordnete Sammlung göttlicher Offenbarungen und Verheißungen. Stellen sich mir einige bedeutsame Fragen: „Wer hat nach welchen Gesichtspunkten wie und was geordnet?“
Hand auf´s Herz: Was halten Sie von der Schöpfungsgeschichte? Was wäre Unrecht gegen Gott? Was verstehen Sie unter Sünde? Ist Elia tatsächlich mit feurigen Rossen und in einem feurigen Wagen in die Himmel gefahren? Gingen die Kinder Israels wirklich trockenen Fußes durch ein Meer? Ist Jesus Gottes Sohn? Hat er beim Weinwunder und auch sonst vielleicht psychologisch getrickst, Kranke geheilt, Tote wiederbelebt und einen deutlichen Erlösungsauftrag seines Vaters ausgeführt, gehorsam bis zum Tod am Kreuz - und wenn wozu?
Ist Jesus von Nazareth als der Christus in Wahrheit auferstanden und aufgefahren in die Himmel? Hat er den Platz neben seinem Vater tatsächlich einnehmen dürfen und wird er, so wahrhaftig, wie er es versprochen hat, wiederkommen?
Wenn ich über diese Fragen ernsthaft nachdenke, dann kann folgendes passieren: Entweder ich werde als ultraorthodox in die Rumpelkammer meiner Kirche abgeschoben und mitleidig lächelnd unter Kuratel gestellt, oder aber, ich singe, wenn nun auch in meiner Evangelischen Kirche, ein altes Lied:
„Herr Dein Wort die edle Gabe, dieses Gold erhalte mir. Denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. Wenn dein Wort soll nicht mehr gelten, worauf soll der Glaube ruh´n? Mir ist nicht um tausend Welten, sondern um dein Wort zu tun.“
Nein, ich leiste der Versuchung Widerstand, meine Bibel zu einer meditaiven Betriebsanleitung umzumodeln.
Jemand habe gesagt: „Es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt.“ Andersherum scheint mir das plausibler zu sein: „Es gibt so viele Wege Gottes zu seinen Menschen wie es Menschen gibt.“
Liebe Grüße, landauf und landab, von Eurem Micha
